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Das Porträt: Ernst von Salomon
„Ich schreibe jetzt, weil ich eine Zeit
überbrücken will, bis wieder die Möglichkeit
besteht, anständige Filme zu machen, und weil ich was
gegen die Amerikaner habe, und das muß heraus, sonst
platze ich." Was dabei herauskam, war „ Der
Fragebogen"
von 1951, und er wurde zum letzten nicht-linken Bestseller
deutscher Sprache. Ernst von Salomon schrieb in ihm die
Geschichte der ersten fünfzig Jahre dieses
Jahrhunderts, das „Wie-es-gewesen"-ist, einen im
Sinne Theodor Lessings „Teppich, geknüpft aus
Fäden aller Art". Mit bitterbösem Zynismus
führte er durch seine Ausführlichkeit den
Entnazifizierungsfragebogen der Amerikaner ad absurdum und
setzte gleichzeitig zum Kampf um die Nation nach der zweiten
deutschen Niederlage in diesem Jahrhundert an, den er schon
nach der ersten so vehement begonnen hatte. Das Buch wurde
zum „publikumswirksamsten Versuch, den geistigen Genozid
abzuwenden" (H.-D. Sander), der die Deutschen nach 1945
ungleich vehementer noch bedrohte als nach 1918. Damals
schon hatte Ernst von Salomon auf sich aufmerksam gemacht,
zunächst durch Taten in den Reihen der „Phantasten der
Tat", wie sie Herbert Cysarz einst genannt hat, und seit
1930 durch eine Trilogie des deutschen Nachkrieges. Nichts
anderes hatte ihn hier schon zur Niederschrift
veranlaßt, als was ihn zum „Fragebogen" zwang: Die
Suche nach der eigenen Identität und die der Deutschen,
die sich nur durch die Erzählung finden lassen konnte.
Selbst wer zur Zeit des „Neuen Nationalismus", wie die
Vertreter der „Konservativen Revolution" um Salomon sich
selbst genannt hatten, noch um seine literarisch
verbrämten Paukenschläge herumgekommen war, den
„Fragebogen" konnte keiner umgehen. Er stand als Monument
souveränen deutschen Daseinsanspruches jeder
ideologisch und geschichtsphilosophisch hergeleiteten
Geschichtsschreibung und Identitätssetzung der
kategorisierten Deutschen im nach 1945 für jeden
offensichtlich gewordenen Weltbürgerkrieg
entgegen. Er demaskierte die heilsgeschichtlich
begründeten Legitimationen und die damit einhergehende
und durch Begriffsumbesetzung funktionalisierte Pauschal-
und Kausalgeschichtsschreibung. Ernst von Salomon
reklamierte so erfolgreich bis zu seinem Lebensende für
sich, wie er gegenüber Alfred Kantorowicz
erklärte, dem Kollektivsubjekt „Die Deutschen" Stimme
und damit Anspruch auf eigene Existenz zu verleihen: „Heute
bin ich ein Vertreter der fünften Zone, der deutschen
Zone, der Deutschen, die in der Zerstreuung leben wie die
Juden. Wollen Sie etwas davon wissen? Der
täuschen wir uns nicht weitaus
größere Teil der Deutschen, der heute stumm ist,
abwartend, mißtrauisch, angegriffen, ohne sich
verteidigen zu können, wo er wirklich Verantwortung
trug, kann nicht einfach als nichtexistent betrachtet
werden. Ich habe das Glück, nicht zu diesen zu
gehören, und von ihnen gehört zu werden."
Ernst von Salomon wurde am 25.09.1902 im damals
preußischen Kiel als zweiter von vier Söhnen des
Königlichen Kriminal-Kommissars Felix von Salomon
geboren. Die Familie stammte eigentlich aus Venedig, zog im
Laufe der Jahrhunderte jedoch über Burgund ins
Elsaß, von wo sie im Zuge der französischen
Revolution an den Niederrhein nach Geldern kam. Was Ernst
von Salomon jedoch prägte, war Preußen und wieder
Preußen. Nicht der preußische Staat, nicht eine
preußische Philosophie, sondern die preußische
Haltung, die Strenge gegen sich selbst, die
preußischen Tugenden, und nicht zuletzt der
„Preußische Sozialismus". Um diesen Staatsgeist
Preußens drehte sich sein ganzes Leben; er war sein
Ziehvater, sein Mythos, sein Ziel, und nicht zuletzt sein
Surrogat für die zerstörte deutsche
Identität: „Wenn ich nicht durch
Staatsangehörigkeit Preuße geworden wäre,
dann wäre ich es durch Wahl." Heimat bedeutete ihm
nichts, Identität alles. Dazu trug neben dem Elternhaus
vor allem seine Erziehung im
Königlich-Preußischen Kadetten-Vorkorps bei, wo
er elfjährig in die Fußstapfen seines Bruders
Bruno trat, der später mit Heinrich Mann die sogenannte
„Emigranten-Volksfront" gründen sollte. Hier lernten
die Kadetten staatliche Tugenden, bis daß sie durch
Erlaß der alliierten Machthaber in Deutschland Ende
1918 in den tobenden Bürgerkrieg hineingeworfen
wurden.
Zutiefst enttäuscht über die, sich zwar
revolutionär gebärdenden, der Besetzung
Deutschlands gegenüber jedoch gleichgültigen
Arbeiter- und Bauernräte trat Ernst von Salomon als
einer der ersten Kadetten unmittelbar nach dem Aufruf Noskes
zur Bildung von Freiwilligenverbänden im Januar 1918
ins Freiwillige Landesjägerkorps „General Maercker"
ein. Auf Seiten der Sozialdemokraten glaubte er unter deren
offiziell propagierter Bürgerkriegs-Parole „Kampf dem
Bolschewismus" den Staat zu schützen gegen die
internationalistischen Bestrebungen der Bolschewisten. Die
gleichfalls staatsauflösenden Tendenzen des liberalen
Parteienstaates blieben den Freikorpskämpfern
zunächst verborgen, und so ließen sie sich zum
ersten Male in diesem Jahrhundert zu Zwecken
mißbrauchen, die nicht die ihren waren, die ihrem
Staatsdenken geradezu konträr waren. Sie schlugen im
Auftrag der selbsternannten Regierung kommunistische
Aufstände nieder, übten widerwärtigste
Polizeiaktionen aus und wurden unwillent- und unwissentlich
zu Parteigängern und zum
Machtbegründungsinstrument einer ideologisch bestimmten
Bürgerkriegspartei im Ringen um die Macht in
Deutschland. In Weimar jedoch, eingesetzt zum Schutze der
„Nationalversammlung", merkte von Salomon erstmals,
daß er hier fehl am Platze war: „Wo war Deutschland?
In Weimar, in Berlin? Einmal war es an der Front, aber die
Front zerfiel. Dann sollte es in der Heimat sein, aber die
Heimat trog. Es tönte in Lied und Rede, aber der Ton
war falsch. Man sprach vom Vater- und Mutterland, aber das
hatte der Neger auch. Wo war Deutschland? War es beim Volk?
Aber das schrie nach Brot und wählte seine dicken
Bäuche. War es der Staat? Doch der Staat suchte
geschwätzig seine Form und fand sie im Verzicht."
Verzichten aber wollten von Salomon nicht, wenngleich er
auch nicht zu formulieren wußte, was der denn wollte:
„Nicht das war wichtig, daß, was wir taten, sich als
recht erwies, sondern daß in diesen aufgeschlossenen
Tagen überhaupt gehandelt wurde." Und so desertierte er
ins Baltikum, wo erstmals seit dem Kriege deutsche Truppen
wieder auf dem Vormarsch waren. So glaubte er Deutschland an
der Front zu finden, doch diese Front war keine deutsche:
Die deutschen Truppen kämpften im Auftrag der
Engländer gegen die Bolschewisten um die Sicherung des
Nachkriegs-Status quo. Das begriffen sie indes erst, als die
Engländer ihnen ob ihrer Erfolge in den Arm fielen und
die deutsche Regierung sie fallen ließ und sie
ächtete. Da eskalierte ihr Idealismus und wurde zum
Exzeß. Der Anerkennung des Versailler Diktatfriedens
machte sie innerlich frei: „Nun fühlten wir uns als die
letzten Deutschen überhaupt ... Wir konnten uns dem
Vaterland nicht verpflichtet fühlen, weil wir es nicht
mehr achten zu können glaubten. Wir konnten das
Vaterland nicht achten, weil wir die Nation liebten." Sie
glaubten sich als die letzen Deutschen überhaupt,
desertierten erneut, gründeten unter
weißrussischen Oberbefehl die Deutsche Legion, wurden
irregulär, kämpften und mordeten ohne Idee und
ohne Ziel, bis sie - ohne Nachschub an Material und Menschen
- geschlagen und verbittert um die Jahreswende 1919/20 sich
ins Reich zurückziehen mußten. Hier aber
erwartete sie Undank, Mißtrauen, ideologischer
Haß und die Auflösung. So kam es, daß sie
sich Kapp zur Verfügung stellten, der ohne Vorbereitung
und völlig unzulänglich zu putschen versuchte. Als
in der Folge des zwangsläufigen Scheiterns dieses
Putsches die Gewerkschaften unter kommunistischer und
internationalistischer Parole erneut die Macht in
Deutschland zu übernehmen versuchten, ließ sich
der Leutnant von Salomon erneut mißbrauchen, da er als
Zeitfreiwilliger in den Reihen der Wehrmacht das Ruhrgebiet
säuberte. Unterdessen hatte sich der Brigadeführer
Kapitän Ehrhardt mit der Reichswehr arrangiert und in
ihrem Auftrag und ohne Wissen eines Dritten den
Vorläufer der „Abwehr" gegründet. Und hierhin, in
die in dem ihr zugedichteten Rahmen nie existente
„Organisation Consul" trieb es Ernst von Salomon in dem
Irrglauben, in dieser geheimen Widerstands- und
Terrororganisation gegen die französischen Besatzer und
gegen deutsche Kollaborateure die Republik zu untergraben.
Unterbrochen nur durch die Kämpfe um Oberschlesien im
Sommer 1921, wo die Franzosen durch die Unterstützung
Kongreßpolens versuchten, Deutschland auch vom Osten
her zu schwächen, verselbständigten sich diese
Widerstandskämpfer immer mehr und entglitten der
Kontrolle Ehrhardts und der Reichswehr. Enttäuscht und
desillusioniert über die kollektivbildende
Unzulänglichkeit des liberalen Staates und der
ideologisch gespaltenen Nation, steigerten sie sich in den
Irrglauben, eine angeblich objektiv faßbare Einheit
wie die des Volkes müsse und werde eine subjektive
Einheit der Deutschen erzwingen. So verrannten sie sich in
die Idee, durch politische Morde zugleich die Republik zu
destabilisieren und die Grundlagen für eine „nationale
Revolution" zu legen. Es trieb sie das Gefühl einer
„Pflicht zum Staat" (Carl Schmitt), eines Staates, der in
der Lage sein sollte, seine Aufgabe als Neutralisationsebene
der vielfältigen Parteiungen der Deutschen bis hin zum
ideologische fundierten Bürgerkrieg zu erfüllen.
Diese Aktionen gegen occasionelle Ziele, die doch eigentlich
die „wirtschaftlichen Gesetze" und ihre
staatsauflösenden Tendenzen zu treffen beabsichtigten,
begannen mit Attentaten gegen Gareis, Erzberger und
Scheidemann und gipfelten am 24. Juni 1922 im Mord an
Walther Rathenau, zu dem Ernst von Salomon nicht
unwesentlich beigetragen hatte. In dem Juden Rathenau, der
doch eigentlich „von vornherein auf der Seite seiner Gegner"
stand (Harry Graf Kessler), hatten sie geglaubt und
wurden darin unterstützt von skrupellosen und zumeist
deutsch-völkischen Parteipolitikern , den einzig
begnadeten Vertreter des Liberalismus zu erkennen, der der
Republik Stabilität verleihen könnte und dies zum
Schaden der Deutschen und zum Nutzen des internationalen
Wirtschaftsimperialismus mißbrauchen würde. Aber
recht eigentlich redeten sie sich mehr oder weniger
wissentlich nur etwas ein: „Es war die Demokratie, es war
die politische Begründung, die wir suchten. Wir suchten
welche da war es, zum Beispiel
Erfüllungspolitik. Für uns war der Krieg nicht
aus, für uns war die Revolution nicht beendet."
Zu der Zeit, als Ernst von Salomon erkannt hatte, daß
dies nicht nur ein fataler und sträflicher Irrtum
gewesen war, schon deshalb, weil der politische Mord in der
Zeit der Entpersönlichung der Politik eine veraltete
Methode war, sondern daß er mit dem Mord auch gegen
sein eigenes Gesetz, das Preußentum, verstoßen
hatte, war es zu spät. Wegen Beihilfe zu fünf
Jahren Zuchthaus und zu weiteren fünf Jahren Ehrverlust
verurteilt, was sich 1927 durch eine weitere Verurteilung
wegen eines Fememordversuches noch erhöhen sollte, war
die Zelle gleichwohl fruchtbar für ihn geworden. Hier
hatte er sich gelöst von den völkischen und
ideologischen Verblendungen, hatte begonnen, zu sich selbst
zu finden durch eifrigstes Lesestudium und durch erste
Niederschriften auf der Suche nach sich selbst. Weihnachten
1927 aufgrund einer Amnestie freigelassen, stieß er
unmittelbar in Berlin zum „Salon Salinger" (Albrecht
Haushofer, Hans Zehrer, Erwin Topf, Friedrich Hielscher
u.a.) und in die Kreise des „Neuen Nationalismus", wurde
Schriftleiter des „Vormarsch" und geriet über seinen
Bruder Bruno in die revolutionär-romantische
Schleswig-Holsteinische Landvolkbewegung, der Hans Fallada
in seinem Roman „Bauern, Bonzen und Bomben" ein Denkmal
gesetzt hat. Eigentlich war es eine Flucht aus der geistigen
Selbstbefriedigung, weg von den Verschwörungen am
Teetisch, die Ernst von Salomon dorthin trieben. Mit dem
Versuch eines attentatsähnlichen Bombenanschlags auf
den Reichstag im September 1929 fand auch diese Episode
ihren Abschluß. Von September bis Dezember 1929 in
Moabit inhaftiert, schrieb Ernst von Salomon unter
hartnäckigem Zusetzen von Ernst Rowohlt, der in Salomon
den künftigen Erfolgsautor witterte, sein erstes Buch:
„Die Geächteten". Diese Autobiographie, „die zugleich
so etwas wie eine Selbstbiographie der ganzen Zeit ist"
(Paul Fechter), verdiente, wie Ernst Jünger in einer
Besprechung schrieb, schon deshalb gelesen zu werden, „weil
es das Schicksal der wertvollsten Schicht jener Jugend, die
während des Krieges in Deutschland heranwuchs,
erfaßte." Bei diesem ersten Werk offenbarte sich
schon, daß Ernst von Salomon auf der Suche nach sich
selbst war, und daß er darüber nur in der
Abgeschiedenheit fern jeder aktionistischen Versuchung
brüten konnte. Der zweite Teil dieser Suche, die nahezu
unlesbare und gleichwohl brisant-interessante „Stadt",
entstand 1932 in der fremden Umgebung des französischen
Baskenlandes, wohin von Salomon auf der Flucht vor einer
Vereinnahmung vor Gericht für anderthalb Jahre
emigriert war. Leider ist dieses Buch kaum noch
zugänglich: „Die Stadt war ein Versuch, eine
Bestandsaufnahme, eine Uebung literarischer Art, bei der ich
es auf ganz gewisse abseitige Probleme des Schreibens absah.
Der Stoff ist sicher interessant, doch ohne Verbindlichkeit
für mich; er diente mir nur zu einer Verschärfung
aller Fragestellungen." Und der dritte Teil, der
Abschluß seines „Neuen Nationalismus", der zugleich
sein literarisch schönstes Werk werden sollte, „Die
Kadetten", die ein Hohelied auf die preußische
Erziehung wurden, wie es höchstens noch Ernst von
Wildenbruchs „Das edle Blut" ist, konnte nur in der so
andersartigen Wiener Atmosphäre entstehen. Hier lernte
von Salomon im Winter 1932/33 auf Einladung Othmars Spanns
dessen Universalismus kennen, um sich darob seiner
preußischen Herkunft und seines eigenen Nominalismus'
nur um so bewußter zu werden: „Alle großen
Bewegungen in der Welt, das Christentum wie der Humanismus,
wie der Marxismus, sie alle werden von einer Art Krankheit
befallen, eine göttliche Krankheit, der erhabenen Pest
des ganzheitlichen Anspruchs. Das macht die Dinge so einfach
für den, der sich bekennen will, und so schwer für
den, der sie betrachtet. Ich, ich bin kein Bekenner, ich bin
ein leidenschaftlich beteiligter Betrachter. So wurde ich
kein Nationalsozialist, und so mußte ich mich von
Othmar Spann trennen."
Zurück in Berlin übernahm er neben Friedo Lampe
beim Rowohlt-Verlag das Lektorat und die Hauptschriftleitung
der von Heinz Oskar Hauenstein herausgegebenen
Freikorpszeitschrift „Der Reiter gen Osten". Nachdem die
NSDAP bemüht war, eine Stringenz zwischen sich und den
Freikorps zu apologetisieren, war es von Salomons
vordringliches Anliegen, den Verfälschungen in der
Geschichtsschreibung des Nachkrieges entgegenzuwirken. So
entstanden seine beiden Bücher „Nahe Geschichte" und
das monumentale „Buch vom deutschen Freikorpskämpfer"
als Korrektive nationalsozialistischer Geschichtsklitterung.
Er war sich dabei, wie aus einem Brief an Hans Grimm
hervorgeht, von vornherein bewußt, welches Risiko er
damit einging: „Die Partei wird wohl schwer zu schlucken
haben an dem eindeutigen Verhältnis der Freikorps, auf
die sich die Partei als ihre Vorgänger beruft, als
Korporationen eines starken Staatsbewußtseins
gegenüber dem Volk, welches freilich in allen seinen
Manifestationen gegen den staatlichen Willen stand." Als
jedoch ernste Schwierigkeiten mit der NSDAP entstanden, als
man ihm vorwarf, ein „Otto-Strasser-Mann" zu sein, zog er
sich aus Rücksicht auf seine jüdische
Lebensgefährtin Ille Gotthelft, die er während des
Dritten Reiches als seine Ehefrau ausgab, aus allen
kompromittierenden Kreisen, u.a. auch aus dem Kreis um Harro
Schulze-Boysen, zurück und „emigrierte" unter
Vermittlung Arnolt Bronnens als Drehbuchautor zur UFA. Nur
gelegentlich noch wagte er sich vor, um, wie Axel Eggebrecht
es formulierte, über „seine Verbindungen zu solchen
alten Putschkameraden, die anders als er in
einflußreiche Stellungen gelangt waren",
„Gefährdeten zu helfen". Mit dem Nationalsozialismus
indes wollte er nichts zu tun haben, und deshalb hatte er
konsequent jedes Angebot auf einen Posten abgelehnt. Der
Nationalsozialismus war für ihn und Hitler voran
„der größte Verfälscher der deutschen
Geschichte". Salomons und seinesgleichen Dilemma aber
bestand darin, daß der Krieg auch ein deutscher
Daseinskampf war und nicht nur rassenideologische Züge
trug. So mußten sie zwangsläufig wieder in die
Phalanx der nationalsozialisitsch verfälschten
deutschen Schicksalsgemeinschaft einscheren, zumal sie von
diesem Krieg eine tragende europäische Ordnung
erhofften, frei von jenem so unglückseeligen
Imperialismus der kontinentalfremden angelsächsischen
Mächte. Erst 1944 sollte dieser Schulterschluß
endgültig aufbrechen.
Daß die Sieger des Weltkrieges diese Verfälschung
der deutschen Nation und ihres Daseinsanspruches nur zu
gerne aufgriffen und darüber die deutsche
Identität zu zerstören suchten, sollte ihn nach
seinem „automatic arrest" von Mai 1945 bis September 1946
unverzüglich zum Kampf um deutsches
Subjektbewußtsein treiben. Schon in amerikanischer
Kriegsgefangenschaft war ihm klar geworden, daß sich
die Maßnahmen der Besatzungsmächte und ihrer
deutschen Handlanger „nicht gegen einen Angeklagten richtet,
sondern gegen ein Volk, dem bewiesen werden soll, daß
es keine anständigen Menschen hervorzubringen
vermochte, und daß ihm zu dienen in jedem Falle
unanständig war." Dieses System aber empfand er als
eines, „das eine fatale Ähnlichkeit mit jenem hat, das
zu bekämpfen diejenigen Leute in der kleidsamen Uniform
der Sieger in dieses Land gekommen sind". Gerade die Sieger
nämlich überschritten das Maß der von ihnen
den Deutschen auferlegten moralischen Beschränkungen
weiter als jemals zuvor. Salomons Reaktion darauf war
eindeutig: „... niemand mag es verargt werden, sich wohl zu
hüten, mit einer Macht anzubinden, welche so groß
ist, daß sie es in sich erträgt, die Atombomben
von Hiroshima und Nagasaki unter der Begleitung des Chorals
‚Onward, Christian Soldiers!' platzen zu lassen, ohne dabei
selber zu platzen."
Ab Juni 1947 trafen sich die ehemals treibenden Kräfte
der nationalrevolutionären Berliner Zirkel,
nämlich Ernst von Salomon, Ernst Jünger, Erwin
Topf, Ernst Rowohlt, Ernst Samhaber, Friedrich Hielscher,
Hans Dieter Salinger und Walter Muthmann alljährlich zu
einer Moselfahrt. In der Auseinandersetzung mit ihnen reifte
in Ernst von Salomon der Plan, die Geschichte der Deutschen
im zwanzigsten Jahrhundert niederzuschreiben und den
Deutschen als Lesern wie in einem Spiegel ihre Geschichte
bar jeder ideologischen Prämisse vorzuhalten. Ernst
Rowohlt gab ihm ein Exemplar des alliierten
Entnazifizierungsfragebogens, und Salomon machte sich an die
Arbeit: „Diesmal habe ich micht mit einer gewissen
leidenschaftlichen Anteilnahme an den Dingen unserer Tage in
das schwammmige Moos unserer jüngsten Vergangenheit
fallen lassen und taste dort den Grund nach Strünken
und der Formation des Gesteins ab, auf dem sich die Wasser
sammelten."
Über den „Fragebogen"
hinaus noch bemühte sich Ernst von Salomon um
Überwindung der ideologischen
Weltbürgerkriegsfronten, die die Deutschen so
unmittelbar spalteten. Dieses Engagement, u.a. in den Reihen
der aufkommenden und damals noch nicht eindeutig
gesellschaftspolitisch orientierten Friedensbewegung, im
Demokratischen Kulturbund Deutschland und für die
Deutsche Friedens-Union, sich äußernd in
demonstrativen Verlautbarungen gegen die totalitäre
Staatsräson des Antikommunismus, für Stalin und
gegen eine deutsche „Wiederbewaffnung", hatte indes zur
Folge, nicht die Fronten zu durchbrechen, sondern ihm selbst
Urteile und Verurteilungen einzubringen, die von
Unverständnis strotzten und ausschließlich vom
geistigen Verharren der Deutschen in den durch die Sieger
vorgegebenen Begriffs- und Identitätssystemen zeugten.
Von „Nationalbolschewismus" über „Unverbesserlichkeit"
bis hin zum „German enemy of Germany" reichte die Spannweite
der Urteile, und immer wieder nahm ihn die eine oder die
andere Partei in Beschlag, berief sich auf ihn als Zeugen
und Mitstreiter, während die andere ihn verdammte. Nur
seine tatsächliche Identität als unideologisch
bestimmter Deutscher wollte oder sollte nicht ins
Bewußtsein gelangen. Die „Objektisierung" der
Deutschen durch eine alle Bereiche erfassende langfristige
Umerziehung war zu weitgehend, die Bereitschaft der
besiegten und individualisierten Einzelnen zum
Identitätswechsel zu groß gewesen, um Ernst von
Salomon zu folgen. Sein Erfolg, auch der des „Fragebogens",
blieb ein literarischer. Als er die Nation nicht mehr fand,
blieb von Salomon nichts als der Rückgriff auf eine
historisch faßbare, wenn auch überlebte
Identität: „Ich bin Preuße. Die Farben meiner
Fahne sind schwarz und weiß", denn „heute ist
jedenfalls die Bezeichnung ‚deutsch' als Bestimmung einer
Staatsangehörigkeit absurd."
Doch auch damit erntete er bestenfalls nur mitleidiges
Unverständnis, und sein Versuch, die Staatsidee
Preußens in seinem posthum veröffentlichten Werk
„Der tote Preuße" zu erklären und plausibel zu
machen, wurde aufgrund des nur zu einem Drittel
fertiggestellten Torsos ein Fehlschlag. Daß er sich
als Schriftsteller und Drehbuchautor durch
Trivialitäten seinen Lebensunterhalt und den seiner
1948 gegründeten Familie sichern mußte, wurde ihm
zudem vor allem von seinen ehemaligen intellektuellen
Bewunderern noch verübelt. So entstanden als
Auftragsarbeiten nicht nur seine oftmals
vielbelächelten Drehbücher, sondern auch
solche Arbeiten wie „Die schöne Wilhelmine", ein
Kolportagehistorie, die gleichwohl immensen Verkaufserfolg
erzielte. Mit Veröffentlichungen im Zusammenhang mit
seiner Bemühung um deutsche Selbstbehauptung war mit
zunehmendem Alter der Bundesrepublik indes kein Geld mehr zu
verdienen. Je weiter die um die Jahrhundertwende geborene
Generation von der Bühne abtrat, desto geringer wurde
der Bedarf und das Verständnis für solche
Bemühungen. Spätestens 1968 war Ernst von Salomon
zum lebenden und unverstandenen Fossil geworden, selbst
für seine eigenen Nachkommen. Am 9. August 1972 starb
er in Stöckte (Winsen/Luhe).
Ernst von Salomon ist das verkörperte Abbild einer
Epoche, ist Exponent eines deutschen Geschichtsabschnitts,
der mit größerem Abstand dereinst
erneut „die deutsche Romantik" genannt werden könnte.
Leidenschaftlich beteiligt an den vielschichtigen Abenteuern
seiner Zeit repräsentiert er die oft fatalen Wirren und
Brüche, mit denen die Deutschen im 19. und im 20.
Jahrhundert konfrontiert waren. Sein Leben stellt subjektiv
wie objektiv eine stellvertretende Kontinuität dar,
nämlich die der Deutschen in eben jener Zeit, die so
von Ideologien überfrachtet war. An ihm ist die
Geschichte und das wegen der dauernden Verfälschung
zwangsläufige Scheitern der im eigentlichen Sinne
um ihrer Identität willen unideologischen
Deutschen in dieser Epoche nachzuvollziehen.
Betrachtet man das Leben Ernst von Salomons wegen seines
subjektiven Bekenntniswillens als stellvertretend für
die Kontinuität der Deutschen im 20. Jahrhundert, so
offenbart sich anhand seiner vita die Geschichte dieser Zeit
in einem Licht, das zumindest frei von den
Voreingenommenheiten und den Maßen einer der von ihm
zeitlebens bekämpften Parteien ist. Dieses Jahrhundert
barg und birgt noch einen ideologischen Weltbürgerkrieg
in sich, der sich vor allem als ein Kampf zweier bzw. dreier
mit Ideologien gerüsteter konkreter Mächte um
Werte, Begriffe, Moral und Geschichtsphilosophie entpuppt.
Dazwischen finden sich einzelne verzweifelt und zumeist
erfolgslos um unideologische Selbständigkeit ringenden
Völker. Mit den Maßstäben der an diesem
Bürgerkrieg beteiligten Parteien kann man einem Ernst
von Salomon genausowenig gerecht werden wie der Geschichte
der Deutschen in dieser Zeit; gerade diese Maße und
Begriffe zu konterkarieren und als das zu offenbaren, was
sie tatsächlich sind und waren, nämlich Mittel zum
Zweck im Machtkampf, war sein Ziel gewesen. Somit würde
man die Begriffe der gegnerischen Partei verwenden, die ihm
notwendigerweise nicht gerecht werden können.
Im Umweg über die französische „Neue Rechte", die
sich Ernst von Salomon als Vorbild und Leitfigur auserkoren
hat, scheint sich jedoch eine Rückbesinnung auch in
Deutschland auf diesen konsequenten Repräsentanten
deutschen Selbstbehauptungswillens anzudeuten. In Frankreich
ist der politische Esprit ungleich stärker
ausgeprägt, der einen Einzelgänger wie Ernst von
Salomon zu ertragen und ins geistige Erbe einzureihen
vermag. „Frankreich ist eine literarische Nation, der
Schriftsteller ist der Gott ..." (E.M. Cioran). Salomons auf
Schiller zurückgehender Idealismus, sein Engagement
für absolute Toleranz gegen jede poltische Idee macht
ihn darüberhinaus noch besonders interessant.
Gleichwohl bleibt fraglich, ob seine radikale Ablehnung der
Massenherrschaft und der individualistischen Freiheit, sein
Haß gegen den politischen Bourgeois ebenso eindeutig
rezipiert wurde, wie sein schriftstellerisches Werk und
seine aktivistische Vergangenheit. Im Augenblick des
Zusammenbruchs der ideologischen Nachkriegsidentitäten,
die die Deutschen so lange quer durch alle Lager getrennt
haben, ist ein Wiederentdeckung von Salomons in Deutschland
so begrüßenswert wie selten zuvor. Vielleicht
schaffen die Deutschen über ihn endlich einen
unideologischen Zugang zu ihrer Geschichte und damit zu sich
selbst.
(Text
und Copyright: Dr. Markus Klein, 2002)
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